Auf einen Äbbelwoi mit Goethe

 

 

 

 

 


Auf einen Äbbelwoi mit Goethe
von

Sven Görtz

 

 

 

Vorweg

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Gespräche mit Johann Wolfgang von Goethe, die ich Ihnen an dieser Stelle ans Herz legen möchte, wurden über einen längeren Zeitraum geführt. Wir verabredeten uns so oft es uns möglich war und so weit es unsere Terminkalender zuließen, manchmal nur für ein paar Minuten.

Nicht selten teilten wir während des Gesprächs einen Steingutkrug, einen sogenannten Bembel des hessischen Nationalgetränkes Apfelwein. Einmal sagte Goethe zu mir:

„Junger Freund, eigentlich haben wir mit unseren Unterhaltungen eine neue Literaturform geschaffen: Die „Äbbelwoi Gespräche“.

Goethe fand, der Begriff passe weit besser als das Wort „Interview“, das er für zu steif und zu ernst hielt.

Die Wahl unserer Gesprächsthemen ergab sich zwanglos. Meist waren es aktuelle Diskussionen. Ich fragte Goethe nach seinen Ansichten zu den Themen unserer Zeit und wir kamen ins Plaudern: Über Atomkraft, Bildung, Bücher, Schönheitsoperationen, usw.

Viel sprachen wir auch über die Themen, die ewig jung bleiben und zu jeder Zeit die Herzen und Gemüter erhitzen: Frauen und Männer, Liebe, Freiheit, Glück usw.

Bisweilen allerdings kam es auch vor, dass wir gar kein Thema hatten. Zum Beispiel, als ich von meinem Neffen ein IPhone lieh und Goethe die Funktionen des Gerätes wissen wollte und ich als Digitaldilletant gezwungen war zu erklären, was ich selbst nicht verstehe. Oder einmal, als Goethe mir behilflich war, ein Ikea-Regal aufzubauen – mehr oder weniger erfolgreich.

Goethes Ansichten überraschten mich mehr als einmal, obwohl mir viele seiner Worte geläufig waren. Die Plaudereien mit dem Herrn Geheimrat haben mir einen Riesenspaß gemacht. Und wenn ich mich nicht gänzlich täusche, ihm auch.

Gestatten Sie mir noch ein Wort zur Form des Abdrucks der Äbbelwoi Gespräche. Ich gebe durchgehend die Antworten von Goethe auf Hochdeutsch wieder, was streng genommen einen Stilbruch darstellt. Denn der 1749 in Frankfurt am Main geborene Goethe verbrachte zwar die meiste Zeit seines Lebens in Weimar, ist aber in sprachlicher Hinsicht seiner hessischen Heimat treu verbunden geblieben: Goethe spricht ausnahmslos Hessisch und zwar den singenden, weich fallenden Frankfurter Dialekt.

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich die Antworten Goethes im Original oder auf Hochdeutsch geben sollte. Schließlich habe ich mich für Hochdeutsch entschieden. Aus mehreren Gründen: Zum einen, weil die lautmalerische Wiedergabe eines jeden Dialektes im Schriftbild reichlich seltsam wirkt. Nehmen wir beispielsweise diese Antwort im Original, die Goethe mir gab, befragt zur Atomenergie:

„Ei, die Geistä, die isch rieef, wedd isch nett mä loos!“

Zum anderen spricht für Hochdeutsch, dass Goethes Werke ausschließlich in dieser Schriftform vorliegen und von daher ein gewisser Gewöhnungseffekt besteht.

Drittens könnte ein Abdruck auf Hessisch womöglich als eine Ausladung an alle Nicht-Hessen missverstanden werden, beispielsweise von Sachsen, Franken, Friesen; Bayern, Bremer, Brandenburger; Markgräfler, Oberpfälzer und Mecklenburgvorpommerer und so fort –

Und nicht zuletzt, wie sagte Goethe einmal so treffend:

„Nicht die Sprache als solche ist richtig oder falsch, sondern nur der Geist, der aus ihr spricht.“

In diesem Sinne nun genug der Vorrede. Ich wünsche Ihnen ein anregendes Vergnügen mit unseren Äbbelwoi Gesprächen.

Herzlich

Ihr

Sven Görtz

 

 

 

Die Geister, die ich rief – Über Atomkraft

Ich bin mit Johann Wolfgang von Goethe in einem Weinlokal in Frankfurt am Main verabredet, nicht weit von seinem Geburtshaus am Großen Hirschgraben. Es ist ein leichter Frühlingstag, und ich wähle einen Tisch im Freien.

Ich bin zu früh dran, weil ich sicher gehen wollte, rechtzeitig vor dem Herrn Geheimrat am Treffpunkt zu sein und bestelle einen Bembel Apfelwein mit zwei Gläsern.

Am Morgen hatte Goethe mich am Telephon gefragt, wie er mich erkennen könne. Zwar habe er Fotos von mir im Internet gesehen, sagte er, doch traue er Bildern im Allgemeinen nur sehr bedingt und Bildern im Internet rein gar nicht. Er bat um ein Erkennungssignal. Ich sagte, ich würde eines seiner Bücher gut sichtbar vor mir auf dem Tisch platzieren: Seinen Roman `Die Wahlverwandtschaften´. Goethe lachte und war einverstanden.

Plötzlich erblicke ich eine ungewöhnliche Gestalt auf der Straße, die Haltung gerade, die Kleidung tadellos und - vollkommen aus der Mode. Kein Zweifel: Es ist Goethe!

Hat er mich erkannt? Er trägt eine zerlesene Tageszeitung und ein Buch unter seinem linken Arm.

Ich zeige mit dem Finger auf die `Wahlverwandtschaften´. Goethe nickt und lächelt. Kurz darauf folgt der unglaubliche Moment: Ich schüttle zum ersten Mal die Hand des Klassikers.

Goethe lässt sich mit einem wohligen Seufzer in den Korbsessel fallen und verteilt die Zeitung und das Buch auf den Tisch. Das Buch ist die `Odyssee´ von Homer.

Als Goethes Blick auf den Apfelwein fällt, geht ein Strahlen über sein Gesicht.

Wir prosten uns zu und tauschen Höflichkeiten aus. Da entdecke ich eine Schlagzeile in der Zeitung, die Goethe mitgebracht hat. Es geht um ein Thema, das uns alle bewegt.

Herr Goethe, Sie haben die Schlagzeile in der Zeitung gelesen: „Das Ende der Atomkraft in Deutschland!“ Was sagen Sie dazu, ist der Ausstieg richtig und sind regenerative Energien wirklich die Zukunft?

Junger Freund, vielleicht erinnern Sie sich daran, was ich einmal im Gedicht geschrieben habe: Walle, walle, manche Strecke, dass zum Zwecke - Wasser fließe!

Ich erinnere mich.

Und an anderer Stelle habe ich geschrieben: Der Wind ist der Welle lieblicher Buhler. In meinem Faust - ich glaube es war da - habe ich außerdem gesagt: Die Sonne, wo sie scheint, da wärmt sie auch!

Darf ich Ihren Worten entnehmen, dass Sie kein Freund der Atomenergie sind?

Tatsächlich hatte ich da schon immer meine Zweifel: Die Idee der 1960er Jahre, die Gewalten der Atomkraft auch zivil und nicht ausschließlich militärisch zu nutzen, war ja grundsätzlich nicht schlecht. Aber ich glaube, es konnte oder wollte damals niemand wahr haben, welche Gefahren uns die Technik auftischt. Und selbst, wenn es jemand gewusst und geäußert hätte: Mit Wahrheit sagen lässt sich nun einmal kein Staat machen, mit Wahrsagen schon eher!

Viele Gefahren sind vielleicht noch gar nicht bekannt.

Sehen Sie, mit der Technik ist es letztlich auch nicht anders als mit den Menschen: Alles hat seine Launen, seine Grillen und seine Laster. Und die beste Technik ist diejenige mit den wenigsten Lastern und Bosheiten, wie auch umgekehrt der friedfertige Mensch der angenehmste ist.

Was ist für Sie demnach eine gute Technik?

Es gibt, denke ich, zwei Maßstäbe. Erstens: sie muss funktionieren, verlässlich und - wie Sie heutzutage so gerne zu sagen pflegen – effizient. Zweitens: Eine gute Technik sollte im Falle eines Versagens die geringsten Schäden anrichten.

Die Schäden im Versagensfall eines Atomkraftwerkes sind ungeheuerlich!

Eben, wenn ein Windkraftwerk ausfällt, können wir im schlimmsten Falle einen Tag lang nicht fernsehen!

In Ihrer Zeit, Herr Geheimrat, war das wohl alles viel einfacher und das Thema Energie kein so großes wie heute.

Ha, junger Freund, da täuschen Sie sich aber gewaltig! Energie ist zu jeder Zeit ein gewaltiges Thema, weil Energie gleichbedeutend mit Macht ist. Wer Herr über die Wärme und den Strom ist, der ist auch Herr über die Menschen, die beides brauchen.

Auch zu Ihrer Zeit, im 18. und 19. Jahrhundert?

Meiner Treu, sie scheinen überhaupt keine Ahnung zu haben! Glauben Sie etwa, wir saßen damals gerne kühle in der Stube? Oder tappten des nachts gerne in die Pfützen? Und was glauben Sie, woher wohl nahm der Müller die Energie zum Mahlen?

Nein, Energie war ein großes und zeitaufwendiges Thema. Und es entbrannten heftige Machtkämpfe um den Besitz der Wälder, die das Holz zum Heizen lieferten und um die Nutzungsrechte von Flüssen. Es war nicht anders als heute auch – und heute wie ehedem werden die Energielieferanten nicht freiwillig das Feld räumen.

Der Unterschied war nur: Damals war es ein Machtkampf unter Adeligen, heute unter bürgerlichen Unternehmen; allerdings wer es in persona ist, der einen gängelt, das kann uns recht gleichgültig sein.

Damals waren die Menschen in Sachen Energie weitgehend autonom.

Jeder verbrachte viele Stunden mit der Beschaffung seiner Energiemittel – das war viel Arbeit, aber am Ende hatte es jeder selbst in der Hand.

Wäre das ein Modell für heute? Jeder Haushalt versorgt sich selbst mit genau der Energiemenge, die er benötigt?

Warum nicht? Der Versuch könnte lohnen! Wissen Sie, junger Freund, die ganze Situation heute erinnert mich doch sehr an das Gedicht, aus dem ich Ihnen eingangs zitiert habe: Da fleht ein Zauberlehrling, dem ein Zauber aus dem Ruder gelaufen ist voller Bangen nach seinem Meister und stöhnt: „Die Geister, die ich rief, werd´ ich nicht mehr los!“

Der Arme hat das Zauberwort vergessen. Zum Glück kommt bald darauf der Hexenmeister und spricht den erlösenden Satz.

Nun, heute ist es nicht anders. Bloß sollten wir nicht darauf hoffen, dass ein alter Hexenmeister kommt, um alles wieder ins Lot zu bringen - die Geister müssen wir schon selbst vertreiben!

Und eines dürfen wir dabei unter niemals vergessen, nämlich auch die Schatten der Geister zu verbannen.

 

 

 

Wissen, was man will – Über Bildung

Herr Goethe, wir haben heute in Deutschland ein Schulsystem mit über 80 unterschiedlichen Formen. Und was das schönste ist: Wen ich auch frage, auf was es ankommt, jeder erzählt etwas anderes. Herr Geheimrat, jetzt frage ich Sie: Was ist das, die Bildung, und was muss der Mensch wissen?

Nun, der Mensch muss in erster Linie wissen, was er will. Und – er muss wissen, was die anderen wollen. Bildung ist Weisheit des Herzens und erschöpft sich nicht im Aufzählen von Fakten. Überdies ist Rechenkunst äußerst hilfreich, denn wir müssen immer mit dem Dümmsten rechnen.

Wann kann ein Mensch als gebildet gelten?

In Sachen Bildung offenbart sich augenfällig die Herkunft des Menschen als Jäger und Sammler. Viele sammeln die Brocken ihrer Bildung wie Nippes, den sie auf dem Kaminsims langsam verstauben lassen.

Oder wir begegnen den Bildungsbürgern, für welche die bloße Kenntnis von klassischem Wissen die reinste Seligkeit bedeutet. Sie haben die Bildung auf ein Podest gesetzt, gleich neben die Altäre der Kirche und die Thronsitze des Adels. Deshalb geben sich diese Pseudoaristokraten auch so bildungsfromm - Bildungsbürger sind Menschen, für die es die größte Genugtuung ist, meinen Faust besser zu kennen als ich selbst es tue und vor allem: unfehlbar zu wissen, was ich eigentlich habe sagen wollen.

Schließlich haben wir noch die emsigen Zeitgenossen, die sich durch Bildung und speziell durch die Insignien der Bildung wie Doktortitel und dergleichen den Anschein von Charakter erschleichen wollen. Sie suchen nicht Weisheit, sondern gesellschaftliches Ansehen, deshalb zählen für jene einzig die Zahl der verschlossenen Türen, die eine Doktorarbeit zu öffnen vermag, nicht das Wissen oder der Gedanke.

Inwieweit ist eine Bildung, wie Sie Ihnen vorschwebt, überhaupt vermittelbar?

Uns muss klar sein, dass die wirklich wichtigen Dinge sich nur sehr schwer vermitteln lassen – sie müssen von jedem immer wieder neu erfahren werden.

Und was wichtig ist, das ist wohl immer wieder die Frage. Es ist nicht leicht, die Spreu vom Weizen zu trennen. Gerade heute in einer Zeit, die überfließt vor Informationen. Ich habe mal gehört, eine einzige Ausgabe einer überregionalen Tageszeitung enthält mehr Informationen als ein Durchschnittsmensch des 19. Jahrhunderts in seinem gesamten Leben sammeln konnte. Das überwältigt mich.

Informationen allein, junger Freund, da kann ich Sie beruhigen, nutzen rein gar nichts; es sei denn, man verfügt über den Verstand, etwas Rechtes damit anzufangen. Auch sind Informationen allein noch kein Anzeichen von Weisheit, ablesbar an der großen Zahl von Hohlköpfen, die meinen, durch einen zufälligen Informationsvorteil schlauer zu sein als andere.

Wie lässt sich aber diese Haltung in der Schule vermitteln? Ich erwähnte eben unser kompliziertes Bildungssystem. Welche Fächer, glauben Sie, werden heute unbedingt gebraucht, welche nicht?

Sehen Sie, ich wundere mich doch sehr. Ich bin ja oft in Schulen zu Gast und ich kann nicht gerade behaupten, dass die Schüler über meine Anwesenheit hoch erfreut sind, obwohl sie vielleicht insgeheim mehr mitnehmen als sie in ihrem Jugendschwung zuzugeben bereit sind.

Ich habe noch deutlich die Worte einer Schülerin im Ohr, ein scheues, kränkliches und herzallerliebstes Mädchen mit Zahnspange und dicken Brillengläsern, das sagte, meine Gedichte, besonders mein Prometheus hätten sie zum Leben ermutigt.

Ich sage Ihnen, es sind diese Menschen, für die ich immer habe schreiben wollen. Und das Beispiel des kränklichen Mädchens zeigt mir: Bildung, gut platziert, macht frei, nicht zuletzt von den Fesseln des Vorurteils, die Welt stünde nicht allen Menschen offen. Bildung gibt dem Willigen Mut, es trotzdem zu versuchen.

Und was jetzt die Schulfächer anlangt, so bin ich mit dem Angebot durchaus vertraut, jedoch keineswegs einverstanden. Physik und Chemie zum Beispiel, welchen Nutzen soll das bringen? Wer es wissen will, der soll es später studieren! In der Schule hat das nichts verloren! Einstweilen mangelt es an anderen Dingen: Biologie ist zwar vorhanden, doch zu wenig von dem, was der Mensch braucht, um in der Welt zu bestehen: Medizin! Die Kinder können heute theoretisch die DNA einer Nachtigall bestimmen, aber wenn sie einen Schnupfen bekommen, sind sie hilflos wie ein Fink im Regen!

Also fordern Sie medizinischen Unterricht in der Schule?

Das sollte so selbstverständlich wie Atmen sein!

Welche Fächer brauchen wir noch?

Wir brauchen Sport oder Fitness wie es jetzt bei Ihnen heißt.

Es überrascht mich, Sie sind ein Sportsfreund?

Ja, heute sieht man es mir nicht mehr an, aber ich habe immer Wert auf Bewegung gelegt. Was heute Sport heißt, war bei uns der tägliche Umgang mit unserem Körper. Wir sind nicht mit dem Auto zum Einkauf gefahren, weil wir keins hatten. Wir sind eben gelaufen.

Was denken Sie, welche Wege ich zu Fuß nach Italien gelaufen bin. Ich bin nicht nur in der Postkutsche gereist!

Allerdings war bei uns die Arbeit härter, das ist heute zum Glück besser. Aber wir dürfen eines nie vergessen: Jeder Fortschritt bringt immer auch etwas zum Verschwinden - Für alles, was wir bekommen, verlieren wir auch etwas.

Sie meinen, wir haben die besseren Arbeitsbedingungen, bessere hygienische Verhältnisse, aber auch das Problem der Wohlstandkrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Herz - und Gelenkbeschwerden.

Wenn die Natur nicht mehr selbst die Harmonie herstellen kann, dann muss der Mensch der Natur auf die Sprünge helfen – mit Sport!

Was brauchen wir noch in der Schule außer Medizin und mehr Sport?

Ich glaube noch zweierlei: Erstens Juristerei, zweitens Philosophie. Nun, ich bin ja selbst von Hause aus Jurist, ein Geschäft, das nie nach meiner Neigung war, jedoch von großem Nutzen. Überall lauern heute Verträge und Rechtsstreite; man muss ja nur den Hund der Nachbarin scheel ansehen, schon hetzt einem das Frauchen den Advokaten auf den Hals! Die Juristerei ist wichtig, damit man sich in der Welt der Paragraphen besser behaupten kann und sich weniger nasführen lassen muss.

Und schließlich brauchen wir Philosophie, um die Welt auch ein wenig zu begreifen. Ich weiß, es ist schwer, einem jungen Menschen die Gedanken eines Hegel oder eines Kant näher zu bringen. Unter uns gesagt, ich habe auch nicht alles begriffen, aber es hat mich zum mindesten stets zu eigenen Gedanken angeregt, auch da, wo Philosophen blanken Unsinn reden – gerade die Jugend kann nicht früh genug begreifen lernen, dass Unsinn und Sinn allernächste Verwandte sind.

Nichts ist schlimmer, als wenn ein Mensch zu fest im Sattel seiner eigenen Überzeugungen sitzt und unter blass blauem Himmel über die Weiden seiner Idyllen trabt. Philosophie ist in diesem Bild ein plötzlicher Wolkenbruch des Geistes, der Ross und Reiter vorübergehend aus dem eitlen Tritt bringt, bis – im besten Falle - die klare Sonne der Heiterkeit scheinen wird.

Wenn wir die Schule verlassen, wie muss danach Bildung aussehen?

Nun, Lernen ist das ganze Leben. Mit der Bildung ist es wie mit der Liebe - es hat niemals ein Ende.

Und gibt es Ihrer Meinung nach besondere Lernwege?

Zweifelsohne gibt es die, die Künste machen es uns vor. Drei Wege sind es an der Zahl: Üben, Üben, Üben! So war es früher, so ist es heute: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Na ja, Herr Goethe, ich muss widersprechen. Wir haben doch die neuen Medien, haben Internet und ...

… Junger Freund, das ist ja alles richtig - zum einen verändert sich die Welt in einem atemberaubenden Tempo, zum anderen bleibt alles, wie es immer war. Oder verlieben sich die Menschen etwa nicht mehr wie zu allen Zeiten? Werden sie nicht geboren und müssen sterben? Und überdies: Seitdem es Emails gibt, wird sogar wieder fleißig korrespondiert!

Sie meinen, die Bildung muss auf das zeitlos Menschlich – Allzu Menschliche setzen?

Wissen Sie, die klugen und gescheiten Dinge sind ja längst schon gesagt und gedacht. Wir brauchen das Rad nicht neu zu erfinden. Es kommt einzig darauf an, dasselbe noch einmal zu denken. Wir schauen immer wieder neu durch die alten Schlüssellöcher.

Außerdem darf man es niemals beim bloßen Denken bewenden lassen, sondern wir müssen tätig werden. Die Tat beweist den Gedanken, denn es gilt: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

Herr Geheimrat, sie verwirren mich! Ich dachte immer, das sei ein Zitat von Erich Kästner.

Ist es ja auch, aber Hauptsache es passt, oder?

Hauptsache, es passt, Sie haben recht! Passt auch der Satz: „Das Gute, und dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man lässt“ ?

Habe ich das gesagt?

Nein, das war Wilhelm Busch!

Aber besser hätte ich es auch nicht sagen können!

 

 

 


Leeres Schweigen – Über das IPhone

Wissen Sie, Herr Goethe, was das ist, das ich hier in der Hand habe?

Es ist schwarz wie ein Katechismus und flach wie ein Zigarettenetui. Und wenn ich Ihre Miene richtig deute, so muss es etwas ganz außergewöhnliches damit auf sich haben.

Es ist das neue IPhone! Ich habe es mir für heute Nachmittag probeweise von meinem Neffen ausgeliehen.

Was ist das, ein neues Telephon?

Wenn man den Verheißungen des Erfinders Glauben schenken will, weit mehr als das!

Was vermag das Gerät?

Oh, ich muss überlegen: Man kann telefonieren und SMS schreiben. Man kann im Internet surfen und zu jeder Zeit Informationen abfragen.

Zu jeder Zeit? Auch um vier Uhr in der Frühe? Das ist genau das, was man braucht. Und weiter?

Man kann Photos machen und ganze Videos aufnehmen.

Sehr schön, das erspart uns das Fernsehgucken. Und weiter?

Man kann ein Photo eines Gebäudes machen und das IPhone sagt einem in kürzester Zeit, um welches Gebäude es sich handelt.

Das nenne ich praktisch! Ich schieße, wenn ich vor meinem Haus stehe, ein Bild und das Iphone sagt mir, dass ich daheim angekommen bin – hier wohnt der Herr Goethe! Alle Achtung und weiter?

Man kann, glaube ich, sogenannte Apps kaufen: Spiele, Zeitungen, einen Kompass, wenn man will; sogar einen Gitarrenstimmer. Ja, man kann Photos so aussehen lassen, als hätte die Person darauf Übergewicht. Irre! Was sagen Sie Herr Goethe?

Nun, ich glaube, ich habe solche I Phones erst kürzlich gesehen.

Kein Wunder, man sieht sie allenthalben.

Ich war in einem Park spazieren, friedlich floss ein Bach vorüber, auf dessen Wellen die letzten Strahlen der Abendsonne funkelten - eine Idylle wie sie im Buche steht! Platanen und Bänke säumten das Ufer. Da saß ein junges Paar, wortlos und streng, eisern vertieft in die I Phones in ihren Händen. Ihre Daumen tippten mit heiligem Ernst geheime Botschaften in das Gerät.

Wäre mir in diesem Moment ein I Phone zu Händen gewesen, ich hätte ein Bild des Paares aufgenommen und es Ihnen geschickt. Und doch hätte das Wesentliche darauf gefehlt.

Und das wäre?

Das leere Schweigen des Paares.

 

 

 


Geworfen tödlich – Über Bücher

Ich bin mit Johann Wolfgang von Goethe in Leipzig. Wir sitzen in Auerbachs Keller und haben soeben die legendären Rouladen mit Kohl und Butterklößen beendet, die vorzüglich waren. Zwei volle Gläser Apfelwein stehen vor uns, der allerdings nicht leicht zu bekommen war. Es ist Goethes geschickter Überredungskunst zu verdanken, dass uns die junge Bedienung das Gewünschte schließlich doch serviert - mit einem amüsierten Lächeln übrigens, das Goethe hoch zufrieden erwidert.

Nun, wie Sie sich denken können, bin ich mit Goethe nicht ganz zufällig in Leipzig: Es ist, wie alle Jahre wieder, Buchmesse.

Nun, Herr Goethe, haben Sie sich auf der Messe schon etwas umzusehen? Hatten Sie Gelegenheit einen Blick in die neusten Bücher zu werfen?

Das hatte ich.

Und, haben Sie schon Ihre Favoriten?

Ich will es mal so sagen: Es gibt auch in diesem Jahr wieder viele Bücher, durch die man alles erfährt und doch am Ende nichts begreift.

Liegt das an uns oder an den Büchern?

Manche Bücher werden nicht geschrieben, damit wir daraus etwas lernen, sondern damit wir erfahren, was der Verfasser alles gewusst hat.

Und das Buch, aus dem wir etwas lernen können, ist das ein gutes Buch für Sie?

Das will ich meinen! Oder ziehen Sie es vor, nach der Lektüre dümmer zu sein als vorher?

Sicher nicht.

Es ist wie der alte Horaz einmal sagte: Prodesse et delectare! Nützen und Unterhalten, darum geht es. Wir wollen lachen und weinen, uns empören und bewegt werden! Zugleich verlangen wir nach Esprit und geistiger Anregung. Bücher, die nur einer der beiden Seiten huldigen sind eine Qual. Reine Komödie ist plump und macht dämlich - reine Wissenschaft ist beschränkt und macht fade!

Überdies habe ich es ganz gerne ein bisschen verrückt. Jede Dichtung sollte immer auch die Aura des Absurden verbreiten. Je unfassbarer für den Verstand eine Dichtung, desto besser.

Und gibt es heute Bücher, die auf diese Art verrückt sind?

Heute fällt mir als erstes auf, dass alle Bücher einander gleichen. Die neuen Literaten tun viel Wasser in die Tinte, und entsprechend verwaschen liest sich das Ganze. Einer schlägt ein Thema an und alle anderen schreiben darauf dasselbe noch einmal – und nicht etwa mit anderen Worten, sondern nur mit einem anderen Buchdeckel!

Trotzdem verkaufen sich diese Bücher blendend.

Was nichts an der Tatsache ändert: Getretener Quark wird breit, nicht stark!

Aber gibt es nicht auch andere Bücher? Bücher mit Biss, die eine Waffe sein können?

Ja, vor allem geworfen wirken viele Bücher tödlich! Oder sie töten schleichend in Form von Langeweile.

Herr Geheimrat, im Ernst!

Im Ernst, teurer Freund: Bücher können eine Waffe sein, das ist richtig - ein Schwert oder ein Florett; sie können uns Dinge zeigen, die wir niemals ahnten. Bücher können uns klug und glücklich machen, aber auch feige und verdrossen. Gute Bücher machen aus jeder Lösung ein Rätsel und öffnen die Butzenfenster unserer Wahrnehmung. Vor allem aber ist jedes Buch eines -

Verraten Sie es uns?

Jedes Buch ist ein Spiegel - wenn ein Affe hinein sieht, kann kein Apostel hinaussehen!

Kommen Sie, Herr Geheimrat, sie flunkern schon wieder. Das hat doch Lichtenberg gesagt!

Ja und, passt es etwa nicht?