Liebe ...

1. Auflage
ca. 220 Seiten
ISBN: 978-3-7844-3210-6
12,95 EUR D / 13,35 EUR A / 22,90 CHF (UVP)
LangenMüller
Januar 2010

 

Leseprobe:

Prolog

Liebe Freundin, lieber Freund der Literatur,

Sie stehen kurz davor, ein Buch mit dem Titel Liebe ist eine besondere Form von Geisteskrankheit zu erwerben. Oder: Sie haben das Buch bereits erworben, weil Sie das Thema auf besondere Weise angesprochen hat, aus gegebenem Anlass oder überhaupt. Oder noch anders: Sie haben das Buch als Geschenk erhalten und räkeln sich nun auf dem Sofa und wollen nachprüfen, ob der Schenker es wirklich gut mit Ihnen meint.

In jedem Fall fragen Sie sich: Wozu das Ganze? Gibt es nicht schon genügend Bücher über die Liebe?

Die Antwort auf diese Frage kann nur lauten: Ja, es existiert eine Vielzahl von Büchern zu diesem Thema. Und diese Tatsache könnte den Schluss nahe legen, dass ausreichend Material und Informationen vorhanden sein müssten, um zu begreifen, was dieses Gefühl der Gefühle für uns bedeutet.

Und nun frage ich Sie, Hand aufs Herz: Haben Sie es begriffen? Genau - auch ich bin mir da nie ganz sicher.

Andere hingegen scheinen es durchaus zu sein. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass das meiste, was über die Liebe geschrieben wird, fast ausschließlich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten erscheint? Täglich lesen oder hören wir von den neusten Entdeckungen der Forscher. Und die haben meist eine klare Tendenz: Aus Sicht der Hirnforschung zum Beispiel ist Liebe nichts anders als ein neurologisches Phänomen, ausgelöst durch gewisse Hirnlappenfunktionen. Für die Vertreter der Evolutionsbiologie ist Liebe lediglich ein Hirngespinst, erfunden, um die wahren Beweggründe unseres Sexualverhaltens zu kaschieren: Die Weitergabe des besten Erbgutes im Kampf ums Überleben. Längst haben, so scheint es, die Wissenschaften die Erklärungshoheit über die Liebe errungen.

Und dann kommen - meist auf der Basis eben solcher wissenschaftlicher Forschungen - die Ratgeber hinzu: Bunte Lebenshilfen mit Glücksgarantien, die keine Regenbogenillustrierte bündiger formulieren könnte:

Finden Sie den Partner fürs Leben! - Retten Sie Ihre Ehe! - Werden Sie der perfekte Liebhaber!

Indes ist es mit Ratgebern immer so eine Sache. In der Liebe wie überhaupt. Wenn der Finanzexperte Ihrer Bank wirklich weiß, wie man mit einem Minimum an Einsatz ein Maximum an Renditen erwirtschaftet kann, warum arbeitet er dann noch immer in Ihrer Bank und tummelt sich nicht schon längst unter den Reichen und Schönen in London und Cannes?

Nun, mein Buch ist kein solcher Ratgeber. Schon aus einem einfachen Grund: Ich wüsste nicht, zu was ich Ihnen raten sollte. Mehr Liebe? Weniger? Ich weiß es nicht. Im Zweifelsfall wohl mehr.

Und jetzt denken Sie, wenn das Buch kein Ratgeber ist, keine wissenschaftliche Abhandlung, was ist es denn?

In der Tat habe ich mir die Frage nach dem Genre nie gestellt. Sagen wir es so: Ich erzähle, was ich beobachte. Das ist im Grunde schon alles. Ich notiere, was mir auffällt und stelle Verknüpfungen her. Was so entsteht, ist ein Mosaik aus Einzelteilen, dem kein allgemeines Erklärungsmuster, keine Theorie zugrunde liegt. Wie könnte ich auch bei einem so flatterhaften Gefühl wie der Liebe den Versuch unternehmen, die Vielfalt der Erscheinungen unter das Joch von ein oder zwei sinnfälligen Erklärungen zu drücken?

Überdies hege ich ein prinzipielles Misstrauen gegenüber der Allgültigkeit von Theorien. Es geht mir mit ihnen ähnlich wie Oscar Wilde mit Wundern. Er sagte:

Was ich also unternehme, folgt keiner Hypothese: Ich folge den Spuren der Liebe, ihren Fußabdrücken im Sand der Welt. Und ich horche auf die Geschichten der Liebe, die so mannigfaltig und staunenswert sind wie die Menschen selbst; so unterschiedlich wie ihre Temperamente, so leidenschaftlich oder freudlos, so heiter oder verrückt.

Der amerikanische Autor Ambrose Bierce tendierte übrigens eindeutig zu letztgenannter Eigenschaft. Er notierte:

Auf jeden Fall hat mir das Zitat von Ambrose Bierce so gut gefallen, dass ich mir den ersten Teil als Titel geborgt habe.

Die Aussage stellt so etwas wie den Tenor des Buches dar. Oder besser: Den roten Faden, der in Färbungen von Zartrosa bis Purpur durch das Papier der Seiten schimmert und sich in dem Glauben ausdrückt, dass es mit der Liebe immer etwas Verrücktes auf sich hat. Und mehr noch: Dass die Liebe vielleicht genau die Art von Wahnsinn ist, den unsere Welt dringend nötig hat, weil das vermeintlich Normale, das allenthalben als erstrebenswert verkauft wird, uns letztlich um die besten Momente unseres Lebens betrügt. Und das kann doch niemand ernsthaft wollen, oder?

Viel Vergnügen wünscht
Ihr Sven Görtz

 

Erster Teil
Was ist das, die Liebe?

1. Ein Junge trifft ein Mädchen

Immer wieder, seit Tausenden von Jahren, ist es dieselbe Geschichte. Nur die Namen wechseln, das Alter, die Konfektionsgrößen; ansonsten bleibt alles wie es war. Wie diese alte Geschichte heißt? Sie trägt einen einfachen Titel: Ein Junge trifft ein Mädchen. Oder wenn man lieber will: Ein Mädchen trifft einen Jungen.

Doch ist sie nicht zugleich die verrückteste aller Geschichten? Ein Fremder trifft eine Fremde, die er nie zuvor gesehen hat, und von einem Augenblick auf den anderen überfällt ihn der Wahn, dass er ohne diesen fremden Menschen nicht mehr leben kann. Jahre seines Lebens ist er prächtig ohne sie ausgekommen, doch die Glorie des Augenblicks, in dem die Liebe entfesselt wird, ändert alles: Plötzlich wird jede Sekunde der Trennung von dem geliebten anderen zum bittersten Exil.

Es gibt nichts vergleichbares in unserem Leben. Die erste Begegnung, der erste Blick; ein Moment von der Dauer eines Jahrhunderts; ein Blitzschlag erfüllt von Zauberkraft und Ungeschicklichkeit. Jeden von uns kann und wird dieser Schlag treffen; keiner kommt davon.

Zumeist erkennt man die Menschen, denen solches widerfahrt, mit Leichtigkeit. Sie pflegen sich recht seltsam zu verhalten, tun Dinge, die ihnen zuvor niemand zugetraut hätte. Der Abteilungsleiter, allen bislang als ein Mann mit ökonomisch organisiertem Sprachgebrauch bekannt, erscheint eines Morgens pfeifend im Büro und wünscht jedem Mitarbeiter per Handschlag einen schönen Tag. Die dauerschlechtgelaunte Kassiererin im Supermarkt erkundigt sich mit vergnüglicher Miene, ob Sie auch alles gefunden haben, was Sie suchten.

Und überhaupt: Wenn urplötzlich Männer freiwillig Hemden und Unterwäsche einkaufen, wenn Frauen sich für die Fußball-Champions League zu interessieren beginnen, dann besteht Grund zu den Annahme, dass Amors Pfeile ihre Ziele nicht verfehlt haben.

Ja, Verliebte tun mit Begeisterung Dinge, die als unsinnig, leichtsinninnig oder schwachsinnig in den Augen derjenigen erscheinen, die nicht oder nicht im selben Maße wie sie vom Löffel der Liebe umgerührt worden sind.

Verliebte pinseln die Namen ihrer Liebsten in riesigen Lettern auf den Beton von Autobahnbrücken oder schnitzen sie zierlich in Parkbänke oder Baumrinden. Oder lassen sie sich bunt verziert auf Oberarm, Schulter oder Gesäß tätowieren (wo sie unter Umständen später mit rätselhaften chinesischen Zeichen übermalt werden müssen).

Verliebte sind geistesabwesend und zerstreut; als Anlageberater taugen sie in diesem Zustand nur noch bedingt, als Feinmechaniker überhaupt nicht mehr. Wer mit Verliebten gemeinsam einen Mannschaftssport betreibt, sollte den Betreffenden lieber gleich auf die Ersatzbank setzen; überdies sollte man sie auch nicht mit der Zubereitung von Speisen für die nächste Party betrauen, es sei denn man ist ein Freund von versalzenem Nudelsalat.

Verliebte reden mehr als Nicht-Verliebte: Kein Wunder, denn alles ist ihnen Anlass zur Schwärmerei: Die ersten warmen Sonnenstrahlen im Frühling, die letzten im Herbst; das Kinoprogramm, der Theaterspielplan, die neue Speisekarte des Italieners. Auch die Bilderausstellung im örtlichen Kunstmuseum, die zwar schon seit Jahren dieselbe ist, wird plötzlich zu einer aufregenden Sensation. Liebende sind neugierig, was die Welt ihnen zu bieten hat. Alles und jedes wird unter ihrem zarten Blick zur Einladung, um gemeinsam erforscht, erkundet und genossen zu werden.

So wird die Liebe den Liebenden zu einem Abenteuer des Herzens, gewaltig und erregend wie eine Expedition in fremde Länder.

Allerdings rufen Liebende auch Neider auf den Plan. Wie unerhört: Die Turteltauben halten spielerisch ihr Gewicht, obwohl sie dauernd essen gehen! Sie sind kaum noch erreichbar und haben keine Zeit mehr für die Dinge, die ihnen kurz zuvor noch sehr am Herzen gelegen haben: Die Pokerabende, die Tupperpartys!

Ich erinnere mich an einen Freund meines Großvaters, der von allen

Nun, man kann es drehen und wenden wie man will: Die Liebe, im Guten wie im Schlechten, lässt niemanden kalt; und wenn sie uns mit ihren Blitzen und Donnern überfällt, bleibt nichts so wie es war.

„Ich glaube längst nicht mehr an Wunder. Ich habe ihrer zu viele gesehen."„Liebe ist eine besondere Form von Geisteskrankheit..." Eine deutliche Aussage. Doch keine Bange: Er liefert in einem Zusatz eine zumindest aus medizinischer Sicht hoffnungsvolle Schlussdiagnose: „...die jedoch durch Heirat vollkommen geheilt werden kann." Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er das tröstlich finden will oder nicht.„De darre Hucho" genannt wurde, was auf Hochdeutsch „der dünne Hugo" heißt.: Ein liebenswerter, geselliger Witwer, der oft zu uns nach Hause kam und mit dem ich als Kind gerne durch die Wälder spazieren ging. Eines Tages macht „De darre Hucho" eine Bekanntschaft mit einer Frau in seinem Alter, die erst vor kurzem zugezogenen war. Von einem Tag auf den anderen wird er zum Dorfgespräch; ja, mehr noch: Er, der ehemals von allen geachtete Endsechziger wird zum Gespött, weil er plötzlich Dinge tut, die in den Augen seiner Altersgenossen einfach unmöglich sind: Er geht mit seiner Verehrten ohne Schirm im Regen spazieren. Er verschläft den Frühgottesdienst und vergisst die Straße zu kehren. Und anstatt den Sitzungen des Gesangsvereins beizuwohnen, fährt er lieber mit seiner Liebsten nach Frankfurt in die Oper! Nach Frankfurt! In die Oper! Das hat es ja noch nie gegeben!

 

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