über Görtz

Görtz über Görtz
Eine autobiographische Skizze
Ich bin ein Kind des Herbstes. Geboren am 13. November 1967 in einem Dorf im Westerwald. Wen es einmal in diese stille Gegend zwischen Rhein und Lahn, Dill und Sieg verschlagen sollte, wird erstaunt sein über die raue Schönheit der Natur, die unausgesetzten Winde und das maßlos klare Licht im Spätsommer, das seinesgleichen nur hoch im Norden an der See hat. 1987 machte ich in Westerburg das Abitur, danach Zivildienst in Hachenburg. Dann ging ich fort, um Literatur und Philosophie zu studieren.
Soweit ich mich entsinnen kann, haben immer drei Dinge mein Leben bestimmt: die Musik, die Literatur und die Philosophie. Ich weiß nicht, was zuerst kam. Sie waren alle gleichzeitig da: der Klang, das Wort, der Gedanke. Mit sechzehn Jahren las ich Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra. Ich hatte nicht das Geringste verstanden, was meiner Begeisterung indes keinen Abbruch tat: Ich kannte ganze Passagen auswendig, deren geheimnisvoller Klang mich bis heute begleitet. So war unmissverständlich, dass die erste Dame meines Herzens die Musik war. Von ihrer Warte aus nehme ich die beiden anderen wahr.
Ja, ich nähere mich jedem Inhalt immer über den Klang. So geht es mir mit jedem neuen Buch, das ich mir kaufe: Die erste Seite lese ich immer laut. Ich suche den Rhythmus, den Klang, das Tempo. Daraus erschließt sich der Inhalt. Es zeigt sich schnell, welcher Autor auch ein Klangkünstler ist: Heinrich Heine ist so ein Fall, in fast allem, was er schrieb. Goethe meistens. Es waren immer schon die klingenden Autoren, die mich interessierten. Bücher ohne Groove sind mir ein Gräuel, seien sie auch noch so klug.
Ebenso verhält es sich mit dem Humor. Fehlt einem Autor der Witz, der Esprit, die Ironie, was nutzt mir dann das anspruchsvollste Buch? Ich schätze diejenigen Autoren, deren Gedanken in Bildern und Pointen formuliert sind. Autoren mit Schalk im Nacken, die Heiterkeit als das begreifen, was sie immer war: eine radikale Form der Erkenntnis. Und: eine bewusste philosophische Lebensform, in der Trotz und Gelassenheit, Schwärmerei und Spiellust ihre Heimat haben.
Ich habe Literaturwissenschaft und Philosophie in Gießen studiert. Noch heute frage ich mich, was mir das gebracht hat. Einen thematischen Überblick und bisweilen auch manchen Einblick habe ich gewonnen, aber nur innerhalb der Schranken eines begrenzten Systems, das von lebendiger, ursprünglicher Literatur meilenweit entfernt ist. Um ein Haar, und ich hätte meine jugendliche Leidenschaft für Literatur und Philosophie verloren. Nun, wie habe ich den Kopf wieder aus der Schlinge gezogen? Ganz einfach: Ich habe mir konsequent vorgenommen zu vergessen: den ganzen akademischen Bildungskram mit seinen Strukturen, Analysen und Begriffen.
In den 1990er Jahren begann ich mit meiner Tätigkeit als Literaturinterpret. Ich unternahm Lesetouren mit unterschiedlichen Programmen, überdies gab ich als Sänger und Gitarrist Konzerte mit überwiegend eigenen Liedern. Ich veröffentlichte meine ersten Hörbücher. Aus dieser Zeit sticht ein Werk deutlich hervor: Dylan Thomas, Unter dem Milchwald. Das für mein Empfinden beste Hörspiel, das je geschrieben worden ist. Über 30 Figuren kommen zu Wort. Ich gebe jeder einzelnen eine eigene Stimme. Das Hörbuch wird im November 2001 von der Hr2-Hörbuchbestenliste ausgezeichnet, die Lesetour führt durch zahlreiche Städte.
Ab 2004 konzentriere ich mich auf die Interpretation älterer Klassiker. ZYX Hörbuch bringt eine neue Reihe unter dem Titel Klassiker der Literatur und Musik heraus: Im Rahmen dieser Edition lese ich bis 2010 rund 50 Titel, unter anderem Autoren wie Christian Morgenstern, Guy de Maupassant, Mark Twain, Casanova, Anton Tschechow, Kurt Tucholsky usw.
In der Reihe Hörportrait stelle ich als Sprecher und Autor Leben und Werk so schillernder Persönlichkeiten wie Mozart, Rilke, Heine und Marilyn Monroe kompakt auf einer CD vor. Die Edition ist an alle gerichtet, die sich kurz und bündig informieren möchten, denen ein trockener Lexikoneintrag zu kurz und eine 500-Seiten Biographie zu umfassend ist.
Im November des Jahres 2006 geht es dann wiederum klassisch weiter. Und zwar diesmal mit dem Klassiker der Klassiker, dem Buch der Bücher. Im Diogenes Verlag erscheint meine vollständige Lesung der Bibel. Von Anfang an stand fest, dass der Ansatz der Lesung nur ein literarischer sein konnte. Die Bibel als ein besonderes Werk der Weltliteratur. Meine Lesung ist theologisch vollkommen neutral. Ich lese einen alt bekannten Klassiker auf meine Art und Weise: literarisch, dramatisch, musikalisch. Es hat mich mit großer Freude erfüllt, dass es gerade dieser Ansatz war, der im Diogenes Verlag den Ausschlag zur Veröffentlichung gegeben hat.
Manchmal frage ich mich, was mich dazu gebracht hat, meine Stimme nicht nur dem Gesang, sondern auch dem Vorlesen zu widmen. Ich glaube, dies hat mit zwei stimmlichen Begegnungen zu tun. Als ich zum ersten Mal die Originalstimme von Richard Burton hörte, verschlug es mir den Atem. Es gibt Menschen, die mit ihrer Stimme Welten bewegen können: Burton ist der größte dieser Magier: tief und rau, beherrscht und glasklar ist sein Ausdruck dabei zugleich sanft und traurig, leidenschaftlich und voll unstillbarer Sehnsucht. Richard Burton war meine erste Offenbarung als Sprecher.
Die zweite war Klaus Kinski, wie Burton ein Weltenbeweger. Man höre seine lüsterne Interpretationen von Francois Villon: „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.“ Das ist großartig, aber er kann es noch besser. Immer dann, wenn die helle, künstliche Stimme Kinskis vollständig alle Bodenhaftung aufgibt, um größenwahnsinnig und brünstig zu entschweben. Zugegeben, er geht einem irgendwann auf die Nerven, ganz gehörig sogar. Doch bis dieser Zeitpunkt erreicht ist – manchmal bereits nach wenigen Minuten - ist er unschlagbar und fegt alles andere hinweg. Wahre Größe ist eben kein Kinderfasching.
Das eine sind die Hörbücher, die Studioarbeit überhaupt; ein anderes ist es, live zu sprechen, zu singen, zu agieren. Ich brauche beides: eines allein macht mich nicht glücklich. Ein literarisches Werk vor einem Publikum zu „performen“, wie man heute neudeutsch zu sagen pflegt, ist immer wieder ein unwiderstehlicher Reiz. Ich bin nicht wie im Studio allein mit den Worten, sondern teile den Text, die Gedanken, die Figuren, ja das ganze literarische Vergnügen mit dem Publikum.
Und dann, im Januar 2010, betrete ich in gewisser Hinsicht Neuland, wiewohl es eigentlich der längst fällige, nächste Schritt war: Es erscheint mein erstes eigenes Buch mit dem Titel Liebe … ist eine besondere Form von Geisteskrankheit im Verlag LangenMüller. Die Ideen und Anekdoten zu diesem Erstling habe ich über Jahre gesammelt. Lange Zeit wusste ich nicht, was ich mit diesen Skizzen anfangen sollte: Einen Roman schreiben, ein Drama, eine Sammlung von Kurzgeschichten? Ich habe gelernt, dass ich für diese Genres nicht der Kerl bin. Aber mit Literatur muss mein Buch schon zu tun haben! Also wurde ein recht unkonventionelles Geschöpf daraus: ein belletristisches Sachbuch über ein Thema -die Liebe-, das zweifelsohne zu den drei großen Themen der Literatur und der Kunst zählt: Die Liebe, das Leben, der Tod!
Über diese big three zu schreiben, stellt für jeden Autor eine besonders reizvolle Herausforderung dar: Nun, mein erstes Buch gleich der Nummer drei, dem Tod, zu widmen, hielt ich indessen für keine so gute Idee. Und auch das Leben als solches halte ich – um mit dem alten Fontane zu sprechen – einstweilen für ein allzu weites Feld. Also widme ich mein erstes Buch der Liebe, von der Überzeugung getragen, dass es mit diesem Gefühl der Gefühle immer etwas Verrücktes auf sich hat. Und mehr noch: Dass die Liebe vielleicht genau die Art von Wahnsinn ist, den unsere Welt dringend nötig hat, weil das vermeintlich Normale, das allenthalben als erstrebenswert verkauft wird, uns letztlich um die besten Momente unseres Lebens betrügt. Und das kann doch niemand ernsthaft wollen, oder?
Sven Görtz im Januar 2010
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