über Görtz

Görtz über Görtz
Eine autobiographische Skizze
Ich bin ein Kind des Herbstes. Geboren am 13. November 1967 in Höhn, einem Dorf im Westerwald. Wen es einmal in diese stille Gegend zwischen Rhein und Lahn, Dill und Sieg verschlagen sollte, wird erstaunt sein über die raue Schönheit der Natur und die ewig singenden Winde.
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Soweit ich mich entsinnen kann, haben immer drei Dinge mein Leben bestimmt: Literatur, Musik und Philosophie. Ich weiß nicht, was zuerst da war. Ich las, ich hörte Musik, ich gab mich der Gedankenwelt hin. Gedanken und Worte waren schon immer wie Musik für mich, bunte Melodien in wechselnden Tempi.
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Ich erinnere mich an meine ersten Leseerfahrungen; Lesen war ein Hinaustreten in die Weite der Welt; lesend war ich Entdecker und Abenteurer. Oft war es, als kannten die Helden der Bücher mich besser als ich mich selbst. Sie entlockten mir Geheimnisse und pflanzten Ideen.
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Ich entdeckte die Poesie, und sie entflammte mein Herz; kein Wunder, denn Gedichte sind unter den literarischen Formen die musikalischsten. Noch heute kenne ich viele Verse auswendig oder trage eine farbige Erinnerung an deren Klang in mir. Ja, Buchstaben und Klänge besitzen Farben für mich: A ist schwarz, B ist braun, C gelb, D silbern, E rot, F grün, G blau und so weiter und so bunt.
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Überhaupt nähere ich mich jedem Inhalt über den Klang. So geht es mir mit jedem neuen Buch. Die erste Seite lese ich immer laut. Ich suche die Melodie, den Rhythmus, das Tempo. Bücher ohne Groove sind mir ein Gräuel, seien sie auch noch so klug. Ebenso geht es mir mit dem Humor. Fehlt einem Autor der Witz, die Heiterkeit, was nutzt das klügste Buch? Ich liebe Gedankengänge, die in Pointen münden.
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Sehr früh schon war mir klar, dass ich mein Leben den Dingen widmen wollte, die mir von Herzen kamen. Ich wusste sehr genau, was ich wollte. Aber was ich wollte, nahm sich zunächst reichlich brotlos aus.
So war die Aufnahme meines Studiums entweder ein Akt von Mut oder von Tollkühnheit, von grenzenloser Zuversicht oder weltblinder Naivität. Ich habe Philosophie und Literaturwissenschaft in Gießen studiert. Ich habe lernen müssen, meine literarische Begeisterung und die Leidenschaft des Denkens in das Korsett von Systemen zu pressen.
Ich schloss mein Studium in allen Fächern mit Bestnote ab. Was allerdings kein Grund zum Jubeln war, denn ich wusste, die Note war um einen hohen Preis erkauft. Ich war im Begriff, meine ursprüngliche Leidenschaft für Literatur und Philosophie zu verlieren. Ich musste mich entscheiden. Wollte ich den Weg der Wissenschaft gehen oder meinen eigenen? Ich wählte meinen eigenen, obgleich ich noch keine Ahnung hatte, wohin er mich führen sollte.
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Noch während meines Studiums gründete ich eine Band und gab ihr als Namen die englische Version einer italienischen Gedichtsform Villanelle. Damals schrieb ich meine Stücke nicht wie heute auf Deutsch, sondern auf Englisch. Ich sang, spielte Gitarre und komponierte fleißig - Lieder über die Ungeduld des Wartens, die Launen des Tangomondes und überhaupt Nächte so scharf wie gesplittertes Glas. Wir spielten, wo es nur ging. In Kneipen, in Clubs, auf Festivals.
Doch wir wollten mehr. Veranstalter allerdings wollen, wenn sie dich buchen, wissen, in welche Schublade sie dich stecken können. Doch genau das war das Dilemma: Wollte ich in eine Schublade passen? Und überhaupt: Wollte ich als reiner Musiker in Erscheinung treten? Als Sänger in englischer Sprache?
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Parallel begann ich in den 1990er Jahren mit meiner Tätigkeit als Vorleser. Ich ging auf Tournee, unternahm Lesereisen mit ersten Programmen: Poesie, Märchen, Krimis, Gruselgeschichten, teils mit, teils ohne Musik.
Damals brachte ich auch meine ersten Hörbücher heraus. Ein Werk sticht deutlich hervor: Dylan Thomas, Unter dem Milchwald. Das für mein Empfinden beste Hörspiel, das je geschrieben worden ist. Über 30 Figuren kommen zu Wort. Ich gebe jeder einzelnen eine eigene Stimme. Das Hörbuch wird im November 2001 von der Hr2-Hörbuchbestenliste ausgezeichnet, die Lesetour führt durch zahlreiche Städte.
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Wenn ich die Zahl der Hörbücher überblicke, die ich seither aufgenommen habe, schüttle ich manchmal ungläubig den Kopf: Habe ich das alles tatsächlich gesprochen? Es sind über 70 Titel, meist Klassiker, darunter viele Autoren, die mir sehr viel bedeuten. Einigen meiner Lieblinge habe ich meine Stimme gegeben. Ich las auch Goethes Werther und zwar genau aus dem Taschenbuch, das ich als 17-Jähriger im Sommer auf der Terrasse gelesen hatte, mit allen Kaffeeflecken und Unterstreichungen.
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Nicht zu vergessen das Hörbuchprojekt, welches das längste und verrückteste von allen war, buchstäblich aus einer Schnapsidee entstanden: Das Buch der Bücher, die Bibel, komplett in einer Edition. Neun Monate brauchte es, bis das Kind auf der Welt war und die 105 Stunden Lesung im November 2006 als Hörbuch erschienen. Von Anfang war eines klar: mein Ansatz der Lesung konnte nur ein literarischer sein. Die Bibel als ein Werk der Weltliteratur. Deshalb ist meine Interpretation theologisch neutral. Ich nähere mich einem alt bekannten Klassiker auf meine Weise: literarisch dramatisch.
Aus Zuschriften, die ich seither erhalten habe, weiß ich, dass viele Hörer gerade diesen neutralen Ansatz schätzen, weil sie das kulturhistorische Dokument Bibel ohne Pastoren-Ton erleben möchten. Manchen allerdings bereitet meine Lesung Unbehagen. Ich erhalte auch Zuschriften, die erklären, meine Lesart sei falsch und nicht vom heiligen Geist beseelt.
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Im Januar 2010 erschien mein erstes Buch mit dem Titel Liebe … ist eine besondere Form von Geisteskrankheit. Über Jahre hatte ich Notizen gesammelt und wusste nicht, was ich mit diesen Skizzen anfangen sollte. Heraus kam ein recht unkonventionelles Geschöpf: ein belletristisches Sachbuch über eine höchst rätselhafte Form von Verrücktheit - Liebe. Seit Januar 2010 bin ich mit dem Programm zum Buch in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs.
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Zurzeit schreibe ich an einem neuen Titel, ein weiteres Sachbuch mit Schalk im Nacken: Jugend ist die Zeit vor dem ersten Bandscheibenvorfall. Es ist doch wirklich eine komische Sache mit der Jugend und dem Alter, nicht wahr? Wer kann sagen, wo das eine endet, das andere beginnt?
Ich begebe mich auf die Suche nach Antworten: ist Jugend nur die erste turbulente Phase unseres Lebens? Oder gar ein persönliches Verdienst? Und wenn ja, was müssen wir dafür tun? Genügt es, bunte Klamotten statt grauer zu tragen?
Das Veröffentlichungsdatum steht noch nicht fest. Entweder Herbst 2012 oder spätestens Frühjahr 2013.
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Und schließlich sind da meine Bühnenprogramme. Aktuell: Wo war ich stehen geblieben? Immer wieder werde ich gefragt, ob das, was ich treibe noch Kabarett sei oder eher ein Ein-Mann-Theater mit Musik. Ich antworte: wo ist der Unterschied? In beiden Fällen tritt ein Mensch – das heißt ich - auf eine Bühne vor ein Publikum und tut kund, wie er die Welt und das Leben sieht. Jeder Künstler macht das so und jeder Künstler benutzt hierzu die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen. Der eine sein Schandmaul, der andere seinen Verstand.
Ich benutze meine Mittel: ich erzähle, ich singe und schlüpfe in die unterschiedlichsten Rollen. Immer getreu dem Motto:
Das Leben ist zu wichtig, um ernst genommen zu werden.
Sven Görtz Im Februar 2012
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